Carl Siegel

Carl SiegelCarl Siegel , geboren am 19.08.1872 in Wien, promoviert nach dem Studium in Wien mit der Schrift Vom ebenen Nullsysteme 2. Grades (vgl. Austeda 2002, 234) am 07.07.1894 zum Dr. der Mathematik. 1900 habilitiert er für Philosophie an der technischen Hochschule in Brünn, 1904 für theoretische Philosophie an der Universität Wien. Im Mai 1913 wird er zunächst zum ao. Professor für Philosophie in Czernowitz ernannt, im August 1919 dann rückwirkend mit 1914 zum ordentlichen Professor. Am 13.05.1927 wird Siegel Ordinarius für Philosophie an der Universität Graz.1

In der Zeitschrift für Jugendkunde seines Kollegen Otto Tumlirz erscheint 1934 Siegels Aufsatz Nietzsche und die Gegenwart, in dem er durch Aneinanderreihung verschiedener Textfragmente Nietzsches einen Kontext erschafft, der „eine Interpretation gestattet, die dem nationalsozialistischen Wertgefüge entgegenarbeitet und Nietzsche zum heldenhaften geistigen Wegbereiter der ’germanisch – völkischen’ Anschauung stilisiert“ (Tschinkel 2009, 38). Per Erlass vom 17.07.1937 wird Siegel „aufgrund einiger Vorfälle in seiner Vorlesung“ (Höflechner 1985, 54) – gemeint ist wohl Siegels politische Agitation für den Nationalsozialismus (vgl. Korotin 2007, 170) – gegen seinen Willen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt (vgl. Tschinkel 2009, 43). In der Zeit bis zur Wiedereinstellung durch die NationalsozialistInnen verfasst Siegel Nietzsches Zarathustra. Gehalt und Gestalt, das 1938 veröffentlicht wird. Hier verzichtet er auf politische Agitation; Anspielungen auf Leitmotive seiner Zeit finden sich nur vereinzelt (vgl. ebd., 45). So wende sich etwa Zarathustra auch gegen „Künder der ‚Gleichheit‘, also extrem sozialistisch-kommunistische Lehren“ (Siegel 1938, 58). Ebenso klinge das „uns heute so geläufige Prinzip der Eugenetik“ (ebd., 49) im Werk Nietzsches an.

Nach dem „Anschluss“ wird Siegels Zwangspensionierung kraft eines Erlasses des Reichserziehungsministeriums vom 16.02.1942 zur „Wiedergutmachung der im Kampf für die nationalsozialistischen Erhebung Österreichs erlittenen Dienststrafen und sonstigen Maßregelungen“ (zit. n.: Schönafinger 1994, 32) rückwirkend mit 01.10.1938 außer Kraft gesetzt und der Ruhestand in eine Entbindung von den amtlichen Verpflichtungen umgewandelt. Siegel liest von nun an „als Emeritus weiter bis kurz vor seinem Tod“ (Binder et al. 2001, 689). In seinem Lebenslauf für die Akademie der Wissenschaften beschreibt er 1940 seine Wiedereinsetzung, nachdem „Österreich durch den Führer von der Zwangsherrschaft befreit und dem Deutschen Reich eingegliedert“ (zit. n.: Schönafinger 1994, 32) worden sei, als „hocherfreuliche Genugtuung“ (ebd., 32). Der „Anschluss“ ist für ihn, so schreibt er in einer an Dr. Fred Fritsch adressierten Postkarte vom 16.04.1938, „das wahrste Fest der Auferstehung und eines Vorfrühlings für uns Deutsch-Österreicher“ (zit. n.: ebd., 33). Mit seinen ab dem WS 1938/39 abgehaltenen Vorlesungen Die Grundlagen der nationalsozialistischen Weltanschauung und Grundzüge nationalsozialistischer Weltanschauung leitet er eine „Serie von staatstragenden Nazi-Vorlesungen“ (ebd., 32) ein. In der Nacht des 13.02.1943 ist Siegel in Graz in einen Straßenbahnunfall verwickelt, an dessen Folgen er am 14.02. stirbt.

  1. Alle biografische Angaben stammen, sofern nicht anders angegeben, aus Binder et al. 2001, 682f.