Ferdinand Weinhandl

Ferdinand WeinhandlFerdinand Weinhandl, geboren am 21.01.1896, studiert ab 1914 Philosophie, Psychologie und Pädagogik an der Universität Graz.1 Nach Abschluss des Studiums geht er 1919 nach München, wo er vorübergehend als Verlagslektor tätig ist und nebenbei Psychologie studiert. 1923 habilitiert er sich mit der Schrift Zum Problem der Urteilsrichtigkeit in Kiel, wo er zunächst als außerplanmäßiger Professor und ab 1935 als Lehrstuhlinhaber unterrichtet. 1942 geht er – unterstützt von Martin Heidegger – nach Frankfurt, ehe er 1944 als Nachfolger von Ernst Mally nach Graz zurückkehrt.

Auf einer von der Universität Kiel betriebenen Website zur Geschichte der Universität während des NS-Regimes findet sich ein Eintrag mit dem Titel „Ferdinand Weinhandl als Beispiel nationalsozialistischer Geisteswissenschaftler“. Ziel der Website ist „ein kritischer Umgang mit dieser Zeit“. Tatsächlich scheint Weinhandls Karriere geradezu beispielhaft für regimetreue Forscher zu sein. 1933 tritt Weinhandl der NSDAP, der SA und dem NSLB bei (vgl. Kapferer 2001, 55). Bereits 1929 wird er Fachschaftsleiter des ‚Kampfbundes für deutsche Kultur‘ (vgl. Wolfradt 2015, 470). Bei der Kieler Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 verkündet Weinhandl als Hauptredner: „In ganz Deutschland werden heute in dieser Nacht tausende von Schriften und Büchern verbrannt werden, die als zersetzendes Gift an unserem Volkskörper fraßen“ (zit. n.: Mish/Cornelißen 2008, 527). Er schließt seine Rede, die den Titel Undeutscher Geist – Deutscher Geist trägt, mit einem Gelöbnis auf Adolf Hitler und einem dreifachen „Sieg Heil“, woraufhin die Versammelten das Deutschlandlied anstimmten (vgl. ebd., 539).

Gegen Ende der 1930er-Jahre werden an einigen deutschen Hochschulen „Akademien der Wissenschaften des NS-Dozentenbundes“ gegründet, „geistige Zentren für die nationalsozialistische Durchdringung der Wissenschaften“ (Dahms 2002, 203). Ferdinand Weinhandl ist Leiter der Akademie in Kiel sowie (ab 1940) der Abteilung Philosophie des „Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften“ (vgl. Michalski 2010, 268).
In den Dossiers des Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS über Philosophie-Professoren wird Weinhandl als einer von elf Philosophen im gesamten „Reich“ unter „Nationalsozialistische Philosophen. (Versuche [!] eine ‚nationalsozialistische Philosophie‘ aufzubauen)“ gelistet (Leaman/Simon o. J., 47). Im Dossier wird sein „Starker Einsatz für den Nationalsozialismus seit 1933“ (ebd., 47) festgehalten, aufgrund dessen er zum Dekan ernannt worden ist. 1942 wird Weinhandl nach Frankfurt/Main berufen. Bereits 1944 nimmt er einen Ruf nach Graz an. Hier lässt sich politische Einflussnahme vermuten, nachdem er im ursprünglichen Besetzungsvorschlag nicht aufscheint.

Weinhandl, der in „zentrale forschungspolitische und wissenschaftsorganisatorische Maßnahmen des NS-Staates involviert und in den hierfür bedeutenden informellen Netzwerken präsent“ ist (Korotin 2007), wird nach Kriegsende aus dem Universitätsdienst entlassen, jedoch später am Institut für Psychologie wieder Ordinarius.
Anlässlich der 300-Jahr-Feier der Universität Kiel 1965 erinnert der Historiker Karl Dietrich Erdmann in seinem Vortrag Wissenschaft im Dritten Reich daran, dass Weinhandl Redner bei der Kieler Bücherverbrennung war (vgl. Erdmann 1967). Im selben Jahr wird Weinhandl, seit 1963 Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, zum korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Wissenschaften gewählt. Er stirbt 1973 als in Österreich hoch angesehener Wissenschaftler (vgl. Schönafinger 1994, 75).

  1. Alle biografische Angaben stammen, sofern nicht anders angegeben, aus Binder et al. 2001, 682f.