Otto Tumlirz

Otto Tumlirz wird 1890 geboren.1 Er studiert Philosophie, Französisch und Deutsch in Graz, wo er 1913 mit seiner experimentalpsychologischen Studie Die geistige Ermüdung. Beiträge zu ihrer experimentellen Messung promoviert. 1919 habilitiert er sich mit der Arbeit Das Wesen der Frage – Beiträge zur Psychologie, Gegenstandstheorie und Pädagogik. 1924 wird er außerordentlicher Professor, 1930 ordentlicher Professor für Pädagogik in Graz.

Seine Zeitschrift für Jugendkunde (gegründet 1931) findet relativ große Beachtung (vgl. Billmann-Mahecha et al. 2015, 451; Binder 2001, 691 und Dudek 1990, 277 sowie Tschinkel 2009, 50). In Die Kultur der Gegenwart und das deutsche Bildungsideal (1932) schreibt er, dass eine „von Nation und Rasse unabhängige Erziehungswissenschaft nicht möglich“ sei (Tumlirz 1932, 2). Er zeigt sich besonders vom italienischen Faschismus angetan, weniger vom Nationalsozialismus Hitlers, der ihm die katholische Religion zu wenig respektiert (vgl. Tschinkel 2009, 54).

Tumlirz ist von einem „unüberbrückbare[n] Gegensatz zwischen jüdischem und christlichem Glauben“ überzeugt (Tumlirz 1932, 168) und bezweifelt die Möglichkeit der Integration des Judentums in die deutsche Volksgemeinschaft (vgl. ebd., 144). 1937 wird er Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Graz (vgl. Tschinkel 2009, 57) und seine Psychologie der höheren geistigen Berufe erscheint, in der er sich unter anderem über eine jüdische „Überfremdung“ des Anwalts- und Arztberufes auslässt, die „schwere Gefahren für das deutsche Volk mit sich gebracht“ habe (Tumlirz 1937, 94).

Nach dem „Anschluss“ bekennt sich Tumlirz zum Nationalsozialismus und gibt an, bereits seit 1934 diverse Leistungen für die NSDAP erbracht zu haben. Unter anderem habe er die Nebenstelle der „Deutschen Philosophischen Gesellschaft“ am Grazer Philosophischen Institut gegründet, um dort nationalsozialistische Vorträge abzuhalten und sei seit 1937 illegales Mitglied der NSDAP gewesen. Da das Datum nicht verifiziert werden konnte, wird er mit 1. Mai 1938 als NSDAP-Mitglied geführt (vgl. Tschinkel 2009, 58 und ebd., 14). Für „Verdienste um die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ erhält er vom Regime die sogenannte Ostmarkmedaille (vgl. Mittenecker/Seybold 1994, 24).

1939 erscheint seine Anthropologische Psychologie, in der er auf die Rassegebundenheit jedes Menschen pocht und von der Kreuzung „artfremder Rassen“ abrät (vgl. Tschinkel 2009, 61 ff). Er lobt Hitler und „die Ausschaltung der Minderwertigen und unheilbar Kranken von der Fortpflanzung“ (Tumlirz 1939, 506). Äußerungen wie diese kosten Tumlirz nach 1945 sein wissenschaftliches Ansehen (vgl. Brezinka 2003, 190). Er wird von der Universität entlassen und pensioniert, wogegen er Einspruch erhebt. Nun bekräftigt er, kein „Illegaler“ gewesen zu sein und der NSDAP in der Verbotszeit keinerlei Dienste geleistet zu haben. Überhaupt sei er nach 1938 immer wieder Gefahr gelaufen, in ein KZ gebracht zu werden (vgl. Tschinkel 2009, 74 ff). Ab 1952 darf er wieder an der Universität unterrichten und versucht, seine Bücher durch Neuauflagen zu rehabilitieren (vgl. ebd., 79 ff. und Billmann-Mahecha et al. 2015, 451 sowie z. B. Tumlirz 1955). Er verstirbt am 03.01.1957 in Graz.

  1. Alle biografische Angaben stammen, sofern nicht anders angegeben, aus Binder et al. 2001, 682f.