Die politische Lage Österreichs und die Hochschulen vor 1938

Blickt man auf das Institut für Philosophie Graz in der NS-Zeit, so muss jedenfalls auch der allgemein-universitäre Kontext einbezogen werden. Wie war es um die Karl-Franzens-Universität im Nationalsozialismus bestellt? Wie wurde nach 1945 mit belasteten Lehrenden umgegangen und wie steht die sich wandelnde rechtliche Situation in Österreich mit der Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen in Zusammenhang? Wie stark waren die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft und Ideologie sowohl auf Ebene der Wissensproduktion der Universität als auch in Bezug auf strukturelle Merkmale?

Die politische Lage Österreichs und die Hochschulen vor 1938

Während 1933 die Zeit der „austrofaschistischen“ Diktatur in Österreich anbricht, beginnen zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bereits durch NationalsozialistInnen betriebene Umwälzungen. In der Hochschulpolitik kommt es zu Entlassungen jüdischer Dozierender und es werden zunehmend Schwerpunkte auf nationalsozialistische und rassenideologische Inhalte gelegt (vgl. Kernbauer 2012, 219). Derweil sind die Entwicklungen der 1930er-Jahre in Österreich geprägt durch innenpolitische Spannungen (vgl. Sonnleitner 2009, 14): „[S]o hatte die Regierung unter dem seit Mai 1932 amtierenden Bundeskanzler Dollfuß die hauchdünne Mehrheit einer Stimme – was jede Abstimmung mit einer gewissen Unsicherheit verband und schlussendlich jene Situation herbeiführte, die unter der Bezeichnung ‚Selbstauflösung‘ des Parlaments das Ende der Demokratie der Ersten österreichischen Republik markierte“ (ebd.). Dabei handelt es sich um die Ausschaltung des Parlaments und die Errichtung einer Diktatur durch die Christlich-soziale Partei unter der Führung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß – eine einschneidende Wende in der österreichischen Geschichte.

Nationalsozialistisch Motivierte sind zu dieser Zeit auch in Österreich aktiv. Bereits Ende der 1920er- und in den 30er-Jahren entwickeln sich, parallel zum Kurs der Regierung Dollfuß, zunehmend illegale Aktionsformen von NationalsozialistInnen (vgl. Bauer 2007, 99). „Den Auftakt zu einem verstärkten öffentlichen Auftreten der österreichischen Nationalsozialisten [sic!] gab der Wahlsieg der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933“ (ebd., 100). Am 19.06.1933 wird die NSDAP verboten (vgl. ebd., 101) und die Schaffung der Einheitspartei „Vaterländische Front“ lässt das Ende der Sozialdemokratischen Partei bereits vermuten – eine Entwicklung, die in den österreichischen BürgerInnenkrieg führt (vgl. Sonnleitner 2009, 15f.). Bis 1938 ist der österreichische „Ständestaat“ durch den „Austrofaschismus“ geprägt. Der diesbezügliche Widerstand beschränkt sich aber nicht nur auf die „politisch Links Gerichteten“, sondern auch die ExponentInnen des Nationalsozialismus treten gegen die Regierung auf (vgl. ebd., 16). So hatten bereits die Entwicklungen der vergangenen Jahre Strukturen herausgebildet, die illegales nationalsozialistisches Engagement begünstigen (vgl. Bauer 2007, 101).
Bei einem gescheiterten Putschversuch der NationalsozialistInnen Ende Juli 1934 („Juliputsch“) wird Engelbert Dollfuß ermordet , Kurt Schuschnigg übernimmt die Regierung bis 1938 und am 12.03.1938 vollzieht sich offiziell der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland (vgl. Sonnleitner 2009, 17). Damit öffnen sich dem Nationalsozialismus auch offiziell die Tore zum österreichischen Hochschulwesen und der österreichischen Hochschulpolitik.

In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass, in größerem zeitlichen Kontext betrachtet, die Herrschaft des NS mit nur vierzehn Semestern einen relativ kurzen Zeitraum darstellt (vgl. Fleck 2012, 493). „Der Lebenszyklus von Universitäten, beispielsweise gemessen an der Verweildauer der in ihnen Lehrenden oder der an ihnen Ausgebildeten, übersteigt diese Zeitspanne“ (ebd., 493). Die Änderungen, die sich in dieser relativ kurzen Zeitspanne vollzogen, waren dennoch einschneidend. Außerdem muss im Blick behalten werden, dass die NS-Herrschaft in „universitären Generationen“ gedacht, noch nicht allzu lange zurückliegt.
In Österreich beginnt die Implementierung nationalsozialistischer Hochschulpolitik nach dem März 1938. Es gelingt binnen kurzer Zeit, neue Strukturen zu schaffen und die Personalpolitik nach den immer stärker vorherrschenden weltanschaulichen Prämissen zu ordnen. Dies beinhaltet nicht nur Entlassungen jüdischer und/oder politisch Anders-Denkender sondern auch die Einstellung neuer nationalsozialistisch denkender Dozierender (vgl. Kernbauer 2012, 222). Graz stellt hierbei bei weitem keine Ausnahme dar – im Gegenteil.

Bei einer Tagung des akademischen Senats am 17.03.1938 wird durch den Prorektor Zauner der Antrag auf Umbenennung der Universität Graz in „Adolf-Hitler-Universität“ gestellt. Zudem wird die Schirmherrschaft des „Führers und Reichkanzlers“ für die Hochschule erbeten. Der Antrag findet keine Mehrheit und wird auch durch ein ähnliches Schreiben an das Reichsministerium von diesem abgelehnt (vgl. ebd., 226f.). Auch wenn die Karl-Franzens-Universität also schlussendlich nicht „Adolf-Hitler-Universität“ heißen soll, bringt die anbrechende Phase der „Reichsuniversität“ einschneidende Veränderungen hinsichtlich Personalpolitik und Lehrinhalte mit sich. Tendenzen, nach denen „nichtdeutsche“ Studierende und Dozierende ausgeschlossen und die Bildung nationalsozialistischer Zellen begünstigt werden, sind (wie bereits angesprochen) auch in Graz bereits Mitte der 30er-Jahre zu beobachten (vgl. Berger et al. 1997, 37).
Die Säuberungen und Gleichschaltung durch die NationalsozialistInnen werden mit enormer Geschwindigkeit vollzogen, welche durch das bereits vorherrschende NS-Potential an den Universitäten nur begünstigt werden (vgl. Höflechner 2006, 185). Auffallend ist die Situation aus ganz anderem Grund auf der philosophischen Fakultät. Hier werden insgesamt 13 Personen entlassen – damit ist der Anteil entlassener Dozierender nach dem „Berufsbeamtengesetz“ prozentual im Vergleich mit den anderen Fakultäten auf der Philosophischen unterdurchschnittlich (vgl. ebd., 188).
Die Grazer Universität versteht sich nach dem Umbruch als südöstlicher Vorposten der neuen deutschen Wissenschaftsauffassung, als kulturpolitischer Wegbereiter des Deutschtums und als „Bollwerk gegen die Gefahr aus dem Osten“ (Stiegnitz 2008, 137).

Das Institut für Philosophie

Das 1897 gegründete Philosophische Seminar, Vorgänger des Instituts für Philosophie, ist nicht so abgetrennt von anderen Wissenschaften, wie wir es heute kennen. Damals ist die „Fächertrias“ Philosophie-Psychologie-Pädagogik eng verbunden. So wird das Psychologische Laboratorium, aus dem später das Institut für Psychologie hervorgehen sollte, 1894 vom Philosophen Alexius Meinong gegründet und geleitet (vgl. Fabian/Rutte 2001;). Meinong gilt als „ein typischer Repräsentant des ‚unpolitischen‘ deutschnationalen Professors“ und ist als solcher keine Ausnahme an der Uni Graz (Sauer 1998, 168). Im Gegenteil, Graz hat als eine „Hochburg des Deutschnationalismus“ Hochschulen, die entsprechend „deutschnational geprägt“ sind (ebd., 168).
Meinong ist der philosophische Lehrer jener Generation, die das Institut „in die Untiefen der nationalsozialistischen Weltanschauung“ führt (Schönafinger 1994, 20). Ernst Mally, Ferdinand Weinhandl und Otto Tumlirz gehören zu seinem engeren Schülerkreis (vgl. Höflechner 2006, 259). Nach Meinongs Tod übernimmt Mally die Leitung des Instituts (vgl. ebd., 260).
Mit dem „Anschluss“ verändert sich die Personalsituation am Philosophischen Institut kaum. Bis auf den von sich aus, aus weltanschaulichen Gründen ausscheidenden Konstantin Radaković verbleibt das gesamte Personal am Institut. Während also in einigen Fächern durch die nationalsozialistische Personalpolitik Engpässe und Personalprobleme entstehen, kann am Institut für Philosophie davon keine Rede sein (vgl. Berger et al. 1997, 37). Von den sieben Angehörigen des Instituts 1938 werden vier oder fünf Mitglieder der NSDAP. Zum Vergleich: In Deutschland haben 174 Philosophen zwischen 1933 und 1945 eine Universitätsstellung – davon sind 45 % NSDAP-Mitglieder (vgl. Leaman 1993, 23).