Die Situation der Hochschulen und die „Entnazifizierung“ nach 1945

Aus heutiger Perspektive ist auch die Lage an den Hochschulen nach 1945 besonders relevant. Bereits während der Kriegsjahre ist es schwierig, Lehre und Forschung in den Kriegsgebieten aufrechtzuerhalten, auch wenn sich das Ausmaß baulicher Zerstörung, wie etwa durch Bombardierungen, in Österreich in Grenzen hält.
Nach 1945 sind Bestrebungen vorhanden, den Lehrbetrieb an den Universitäten wiederaufzunehmen. Direkt mit dem Kriegsende kommt es teilweise endgültig zum Zusammenbruch des Lehrbetriebs; einerseits aufgrund der „Absetzbewegung“ und der Verfolgung von flüchtenden NationalsozialistInnen, andererseits aufgrund der Verlagerung ganzer Institute (vgl. Fleck 1996, 70). Besonders der Vorgang der „Entnazifizierung“ führte auf den Hochschulen noch im Jahr 1945 zu personellen Veränderungen sowie zu heftigen Diskussionen (vgl. Kernbauer 1994, 361). Im Mai 1946 scheiden von 175 Lehrenden 93 im Zuge der Entnazifizierungsprozesse aus – 70% der zu diesem Zeitpunkt Lehrenden werden entlassen (vgl. Kernbauer 2012, 237). Wie aber gehen diese Entlassungen vonstatten und wie kommt es dazu, dass bereits 1947 einige der ursprünglich Belasteten ihre Lehrfunktionen wieder unbehelligt aufnehmen können?

Relevant ist in diesem Zusammenhang vor allem der Wandel der rechtlichen Situation an den Universitäten nach 1945. Da es direkt nach dem Fall des „Dritten Reichs“ keine spezifischen diesbezüglichen Gesetze gibt, wird der Lehrkörper nach dem am 08.05.1945 erlassenen Verbotsgesetz gehandhabt (vgl. Benetka 1998, 194). So besagt der §3 des Verbotsgesetzes:

„Es ist jedermann untersagt, sich, sei es auch außerhalb dieser Organisation, für die NSDAP oder ihre Ziele irgendwie zu betätigen. Wer weiterhin dieser Partei angehört oder sich für sie oder ihre Ziele betätigt, macht sich eines Verbrechens schuldig und wird hierfür mit dem Tode und dem Verfall des gesamten Vermögens bestraft. In besonders berücksichtigungswürdigen Fällen kann statt auf Todesstrafe auf schweren Kerker in der Dauer von zehn bis zwanzig Jahren erkannt werden.“

Nach diesem Paragraphen werden damals alle NSDAP-Mitglieder und „reichsdeutsche“ Lehrkräfte erhoben und gegebenenfalls entlassen (vgl. Weinert 1986, 255). Die Gewichtung der Parteimitgliedschaft orientiert sich in diesem Sinne an der Rechtslage im „Austrofaschismus“ (vgl. Benetka 1998, 194): „Jene, die bereits zwischen dem 1. Juli 1933 und dem 13. März 1938 der NSDAP beigetreten waren, galten als besonders exponiert und sollten fristlos aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden.“ (ebd.) Hier zählt nicht Rang, Engagement oder die Art der Tätigkeit innerhalb der NSDAP oder ihrer Teilorganisationen, sondern der Zeitpunkt des Parteieintritts (vgl. ebd.).
In diesem Zusammenhang werden damals alle zwischen 1938 und 1945 erfolgten Ernennungen zum/r HonorarprofessorIn oder zum/r PrivatdozentIn für ungültig erklärt (vgl. Weinert 1986, 255). Der akademische Grad wird all jenen bindend entzogen, die vom Verbotsgesetz betroffen sind oder sich entgegen diesem für die NSDAP oder deren Ziele eingesetzt hatten. Den Personen, denen der akademische Grad im Zeitraum vom 13.03.1938 bis Ende des nationalsozialistischen Regimes aberkannt worden ist, kann der Grad rückwirkend wieder erteilt werden (vgl. Kernbauer 1994, 366). Vorerst müssen nach 1945 bis zu zwei Drittel der österreichweit tätigen Hochschullehrenden den Lehrbetrieb verlassen (vgl. Weinert 1986, 261). Allerdings nur vorerst.

Für das Philosophische Institut bedeutet dies einschneidende personelle Veränderungen. Der designierte Siegel-Nachfolger Wolfram Steinbeck wird als „Reichsdeutscher“ von der nun wieder österreichischen Universität Graz nicht „übernommen“. Franz Kröner und Franz Häußler werden beide entlassen. Mally-Nachfolger Ferdinand Weinhandl lehrt bis Sommer 1946, wird dann aber aufgrund seines umfangreichen und langjährigen Engagements für den Nationalsozialismus ebenfalls entlassen. Otto Julius Hartmann wird zwar nach seiner Entlassung 1945 noch im selben Jahr wiedereingestellt, kehrt aber erst 1947 nach Graz zurück – seine angekündigten Vorlesungen entfallen (vgl. PA Hartmann). Karl Sapper bietet von sich aus der Universität an, wieder zu lehren (vgl. PA Sapper). Aus dem Personalakt geht hervor, dass das Angebot wohl durch die Universität nicht angenommen wird, es findet sich aber keine Begründung dafür (vgl. ebd.). Für einen geregelten Lehrbetrieb und personelle Kontinuität am Institut sorgt Konstantin Radaković, der noch 1945 nach Graz zurückkehrt. Schon mit 01.10.1945 wird er wieder an der Universität Graz angestellt.

Entscheidend ist, dass in den Folgejahren eine Reintegration der Personen, die vorerst im Zuge der Entnazifizierung ausgeschlossen worden sind, nicht verhindert (vgl. Wienert 1986, 266) und teilweise auch begünstigt wird. Auch wenn zuerst ein guter Teil an Personen aus dem Lehrkörper entfernt wird, gilt dies in beschränktem Maße. Vor allem unterbleibt die geistige Veränderung. Die rechtliche Lage negiert somit vollkommen die „geistigen MittäterInnen“ (ebd., 268). Sehr früh können auch vom Verbotsgesetz Betroffene, denen es möglich ist nachzuweisen, dass sie „ihre „Zugehörigkeit zur NSDAP oder einer ihrer Wehrverbände (SS, SA, NSKK, NSFK) niemals ‚mißbraucht‘ hätten“ (Benetka 1998, 194), Gnadengesuche um Nachsicht in Bezug auf Registrierungspflicht und Sühnefolgen stellen (vgl. ebd.). Die praktische Durchsetzung des Verbotsgesetzes bereitet Zusehens Probleme – besonders in Zusammenhang mit den Ausnahmebestimmungen der sogenannten „Persilscheine“, die (ironischerweise) von den Parteien ausgestellt werden, von denen das Verbotsgesetz beschlossen wurde. So wird noch 1945 von den Alliierten Druck ausgeübt, die „Entnazifizierung“ voranzubringen.

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur angesprochenen Durchlässigkeit des Systems leistet also die mehrfache Novellierung des Verbotsgesetzes. In der 1947 eintretenden Novelle wird das Verbots- und Kriegsverbrechergesetz (KVG, VG) zwar als Instanz zur „endgültigen Bereinigung des Naziproblems“ verstanden – die eigentlich als Verschärfung gedachte Reform wird aber in den folgenden Jahren durch mehrere Amnestie-Bestimmungen zunehmend relativiert, sodass im März 1957 die „Bestimmungen des Nationalsozialistengesetzes, BGBl. Nr. 25/1947, abgeändert oder aufgehoben werden (NS-Amnestie 1957)“.

Schätzungen zufolge kehrt nach Ende des Nationalsozialismus nur jede/r Fünfte emigrierte WissenschaftlerIn nach Österreich zurück. Personelle Engpässe werden tendenziell nicht durch verstärkte Rückholversuche behoben, sondern durch die Wiedereinstellung ehemaliger im Nationalsozialismus engagierter Personen (vgl. Benetka 1998, 217). 1950 etwa wird der „stark belastete, vor 1945 extrem rassistische Philosoph und Pädagoge Ferdinand Weinhandl“ (Stadler 2015, 369), seines Zeichens NSDAP-, NSDDB- und SA-Mitglied, Festredner bei der Kieler Bücherverbrennung 1933 und in zahlreichen Funktionen und Tätigkeiten für den Nationalsozialismus höchst aktiv, wieder an der Universität angestellt – zwar nicht mehr für Philosophie, sondern zur Supplierung der Lehrkanzel für Psychologie und Pädagogik. Daraus wird später eine fixe Vertretung und 1958 wird die Doppelprofessur mit Weinhandl besetzt – „ein besonders eklatantes Beispiel einer fatalen Eliten-Kontinuität“ (ebd., 369).

Der fehlende Diskurs über die Vergangenheit determiniert in diesem Sinne die fehlende Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Rückständen. Es ist sowohl persönliche als auch soziale und politische Angst, die davor zurückhält, das Thema anzuschneiden, und die verhindert, dass die Vergangenheit politisch gedacht und kontextualisiert wird und nicht zuletzt auch mehr Personen aus dem persönlich nahen Umfeld treffen hätte können, als einem selbst lieb gewesen wäre (vgl. Fleck 1987, 22).