Über das Projekt

Mit 8. Mai 2016 sind 71 Jahre vergangen, seit das Terrorregime des „Dritten Reichs“ den 2. Weltkrieg verloren hat. Ist es nicht langsam an der Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen?

Ja und nein.

Ja, es wäre höchste Zeit, dass die Vergangenheit ruhen könnte. Sie kann aber nicht, da sie an vielen Orten in einem Unruhezustand der permanenten Verdrängung geradezu künstlich am Leben erhalten wird. Nicht der Wunsch, dass den Opfern historische Gerechtigkeit widerfahre, sorgt für Unruhe. Genauso wenig das Streben nach einer lehrreichen Aufarbeitung von Versagen und Verbrechen, die durch die Erinnerung an die kleinen Räder des großen Systems dazu führt, menschliche Schwäche und unmenschliche Bösartigkeit zur Warnung und Mahnung werden zu lassen, die sich in das kollektive Bewusstsein von TrägerInnen historischer Schuld permanent einbrennen. Was aber für Unruhe sorgt, sind Ungerechtigkeiten, die negiert, Verbrechen, die verdrängt, und Momente menschlichen Versagens, die verleugnet werden – sie halten die Vergangenheit lebendiger als sie möglicherweise sein sollte.

Und nein, es gibt Orte, an denen die Vergangenheit niemals ruhen kann. Universitäten, als Zentren der Wissenschaft, sind etwa solche Orte. Trotz des neoliberalen Ungeists der Gewinnmaximierung, der jede Forschung in betriebswirtschaftliche Kennzahlen übersetzen will, gibt es an den Universitäten noch zahlreiche Lehrende, Forschende und Studierende, die Wissenschaft als Zweck an sich sehen und denen die gesellschaftliche Verantwortung und Bedeutung dieser Institution bewusst ist. Aus Sicht der Forschung kann also das Interesse an jener Barbarei, die aus der Mitte einer sich als Höhepunkt der Schöpfung verstehenden Gesellschaft um sich griff, nie enden. Zu erschreckend, zu unerklärlich wäre es, blieben die Geschehnisse unerforscht. Zu gefährlich wäre es obendrein, wenn sie in Abwesenheit von Fakten und ernsthafter Forschung mystifiziert würden und zu Folklore verkämen.

Vorgeschichte

Das Institut für Philosophie im Nationalsozialismus zu beleuchten, ist ein Projekt, das von der Studienvertretung Philosophie schon seit Längerem forciert wird. Hauptsächlich geht es uns darum, die diesbezügliche Geschichte des Instituts sowie die damit auftretenden Zusammenhänge, die Kontinuitäten und Brüche, aufzuarbeiten.

Die Vorgeschichte dieser Broschüre begann bereits 2011. Aus persönlichem historischen Interesse beschäftigten sich Mitglieder der Studienvertretung mit Lehrenden des Instituts während der Zeit des NS-Regimes. Dabei machten sie einige sehr interessante und „eindeutige“ Biografien aus, über die am Institut nur wenige leicht zugängliche Informationen vorhanden waren. Über das Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich stießen sie auf die Biografie von Konstantin Radaković, der als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus seine Stelle zurücklegte und das Land verlassen musste. Auf der Website der Universität Kiel fanden sie andererseits Informationen über Ferdinand Weinhandl, der von 1944 bis 1945 am Grazer Institut für Philosophie lehrte. Die im Folgenden zur Verfügung gestellten Informationen machen das volle Ausmaß seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus sichtbar.

Radaković wie auch Weinhandl lehrten beide als Ordinarien am Institut für Philosophie – ihre Porträts hängen nun seit einiger Zeit gleichberechtigt in der Galerie aller ehemaliger Ordinarien des Instituts an der Wand des großen Übungsraums. Hier wird kein Unterschied zwischen dem aktiven Gegner des Nationalsozialismus und dem Festredner bei einer nationalsozialistischen Bücherverbrennung gemacht.

Dieser Umstand störte uns und wir forderten das Institut auf, seine Geschichte kenntlich und zugänglich zu machen. Unser Vorschlag, die Abbildungen jener Ordinarien, die den Nationalsozialismus unterstützten, als solche zu kennzeichnen, wurde jedoch abgelehnt. Eine gemeinsam geplante Diplomarbeit zum Thema kam nicht zustande, da der vorgesehene Autor sein Studium vor Beginn der Arbeit abbrach. Die Ergebnisse der Diplomarbeit sollten auch für die Darstellung der Geschichte des Instituts im Nationalsozialismus durch das Institut selbst, u.a. auf der Website des Instituts, verwendet werden. Lange gab es die Zusage der Institutsleitung zu einer erweiterten und verbesserten Darstellung der Institutsgeschichte – als die erste Auflage dieser Broschüre im April 2016 erschien, waren die Jahre von 1938 bis 1945 auf der Website noch unerwähnt. Inzwischen sind die Professoren, die in den Jahren 1938 bis 1945 in Graz tätig waren, auf der Website des Instituts dargestellt. Diese Broschüre und die Auseinandersetzung mit dem Institut für Philosophie im Nationalsozialismus entstanden nicht aus der Motivation, das Institut Philosophie anzugreifen, sondern um diesem wichtigen Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Philosophie

Die Philosophie, die von vielen – dem Ursprung des Wortes folgend – als Liebe zur Weisheit verstanden wird, die sich zurecht als älteste Wissenschaft sieht und die eine jahrtausendealte Tradition des kritischen Denkens und Hinterfragens vorzuweisen hat, ist geradezu prädestiniert dafür, bei der kritischen Beschäftigung mit der (eigenen) Vergangenheit eine Vorreiterinnenrolle einzunehmen. Es ist dies eine Vergangenheit, in der sie – aus der Geschichte der Philosophie folgend – eine kritische Rolle gegen die menschenverachtende Propaganda, das unmoralische Gedankengut und den bösartigen Ungeist des Nationalsozialismus einnehmen hätte müssen. Tatsächlich war die Philosophie, wie praktisch alle Wissenschaften und die gesamte Universitätslandschaft, dem Nationalsozialismus treu ergeben. Graz war da keine Ausnahme.

Gerade dieses historische Versagen, auch den eigenen Ansprüchen gegenüber, macht eine konsequente Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit notwendig. Sie kann der Philosophie ständige Mahnung und konstanter Ansporn sein, kritisch zu denken und sich den eigenen Namen, der immerhin für DenkerInnen wie Sokrates, Immanuel Kant und Hannah Arendt steht, auch zu verdienen.

Ideologie- und ideengeschichtlich war die Philosophie dem Nationalsozialismus in Bezug auf die Verfestigung der Rassenideologie dienlich, indem sie dazu beitrug, die vorherrschenden Vorstellungen einer „germanischen Herrenrasse“ auch philosophisch zu begründen und zu verfestigen. Neben diesem Aspekt ist allerdings eine strukturelle Dimension nicht zu vergessen. Wer wurde mit der Übernahme der NationalsozialistInnen entlassen? Wer wurde nach dem Ende des Krieges wiedereingestellt? Wer durfte weiterhin lehren – und auf welcher Grundlage? Wer wurde aus dem Kanon der Universität ausgeschlossen? Und vor allem: Mit welcher Begründung geschah das?

Indem wir diesen Fragen nachgingen, gewannen wir Erkenntnisse, die wir in der vorliegenden Broschüre zusammenfassen möchten. Sie soll dazu dienen, die historische Entwicklung des Instituts nachzuzeichnen und eben genannte Brüche und Kontinuitäten anzusprechen.

Struktur

Wie aus dem Vorherigen bereits deutlich wird, betreffen unsere zentralen Fragestellungen die Ebene des Lehrpersonals. Natürlich wäre in diesem Zusammenhang auch ein ausgiebiger Blick auf bereits erwähnte ideengeschichtliche Aspekte oder auf die Ebene der Studierenden in und nach der Zeit des Nationalsozialismus interessant. Wir haben uns für die Fokussierung auf die Ebene der Professoren entschieden, weil dadurch deutlich wird, welches Gedankengut von denjenigen vertreten wurde, die mit der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses betraut waren. Dass die allermeisten von ihnen während der Herrschaft des Nationalsozialismus mehr oder weniger starke Vertreter ebendieser Ideologie waren, mag nicht weiter überraschen. Besondere Bedeutung erhält dieser Sachverhalt aber dann, wenn man sich vor Augen führt, wer nach 1945 weiterhin Studierende ausbilden durfte.

Aus diesem Grund werden im Folgenden die Kurzbiografien von neun Lehrenden angeführt, die vor, während und/oder nach der Zeit des Nationalsozialismus am Institut tätig waren. Die Biografien von Ferdinand Weinhandl und Konstantin Radaković werden schließlich ausführlicher dargestellt und miteinander in Beziehung gesetzt. Beide können, wie noch deutlich werden wird, als Beispiel für Kontinuitäten und Brüche in der ProfessorInnenschaft herangezogen werden – allerdings in sehr unterschiedlichem Sinne.

Die biografischen Angaben sind im Kontext der Entwicklung des Instituts sowie vor allem in einem umfangreicheren, universitätshistorischen Zusammenhang zu betrachten. Wir möchten daher einige Entwicklungen und Strukturen auf einer allgemein-universitären Ebene verdeutlichen und so die gewonnen Erkenntnisse kontextualisieren.

Unsere Texte basieren auf ausführlicher Literaturrecherche (siehe Literaturverzeichnis), Einsichtnahme in Dokumente aus dem Universitätsarchiv sowie aus dem Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ) und auf Hintergrundgesprächen mit den im Vorwort erwähnten Personen. Sämtliche Texte entstanden mit dem Bestreben, alle Daten und Fakten belegen und rekonstruieren zu können. Verfasst sind die Beiträge im historischen Präsens, das uns unter anderem aus Gründen der Vermittelbarkeit und Klarheit als geeignete Form erschien, um den hier aufgearbeiteten Teil der Geschichte des Instituts zu erzählen.