Konstantin Radaković

Konstantin Radaković wird am 11.07.1894 in Graz geboren.((Siehe auch die Biografie Radaković‘ des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich.)) 1896 zieht die Familie nach Innsbruck, wo er ab 1906 das Gymnasium besucht. In diesem Jahr übersiedelt die Familie allerdings erneut, nachdem Konstantins Vater Michael eine Stelle in Czernowitz (damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, heute Tscherniwzi in der Ukraine) erhält. Dort beginnt Konstantin 1912 ein Studium der Philosophie, das er ab 1913 in Innsbruck fortsetzt. Unterdessen zieht seine Familie 1915 von Czernowitz nach Graz, nach Michael Radakovićs Berufung auf den Lehrstuhl für Theoretische Physik der Karl-Franzens-Universität (vgl. Rutte 2001, 347).

Er promoviert 1918 an der Universität Innsbruck mit der Arbeit Das Problem der Kausalität (vgl. Berger et al. 1997, 34) und folgt seiner Familie nach Graz, wo sein jüngerer Bruder Theodor das aufgrund des Wehrdiensts unterbrochene Studium fortsetzt, das er schließlich 1921 in Bonn mit seiner Promotion abschließt. Konstantin kommt unterdessen über seine hoch geschätzte Tante, die Schriftstellerin Mila Radaković, in Kontakt mit Alexius Meinong. Mila, Mitarbeiterin und Schülerin von Meinong, führt Konstantin zwar in dessen Kreis ein, jedoch wird er davon weniger stark beeinflusst als durch die Philosophie Franz Brentanos (vgl. Rutte 2001, 347). Radaković habilitiert sich 1924 an der Universität in Graz mit der Arbeit Mechanismus und Vitalismus (vgl. Jánoska 1996, 341).

Großen Einfluss auf sein Denken hat die Philosophie David Humes, das sich dementsprechend in den Feldern des Empirismus und Skeptizismus bewegt. So zeigen Radakovićs frühe Schriften eine antimetaphysische und antispekulative Tendenz (vgl. Rutte 2001, 349). In seiner Schrift Die Stellung des Skeptizismus zu Wissenschaft und Weltanschauung schreibt er sogar: „Jede metaphysische Hypothese ist und kann nichts anderes sein als eine unbeweisbare Phantasie“ (Radaković 1928, 15).

Wie bereits deutlich wurde, kann Konstantin Radakovićs Familie durchaus als ein akademisch erfolgreiches Umfeld bezeichnet werden. So bewegt sich sein Bruder Theodor, der seit 1928 als Privatdozent für Mathematik an der Wiener Technischen Hochschule lehrt, im Umfeld des Wiener Kreises (vgl. Stadler 2015, 56). Die enge Verbundenheit der Brüder lässt eine antimetaphysische Tendenz in Konstantins Philosophie also möglicherweise sogar erwarten.

In den Jahren 1933 und 1934 tragen sich wichtige Ereignisse im Leben der Familie Radaković zu. So schließt sich Konstantin mit der Ausschaltung des Parlaments und der Diktatur des „Austrofaschismus“ in Österreich der Einheitspartei „Vaterländische Front“ an, tritt aber diesbezüglich politisch nicht weiter in Erscheinung. Der Vater, Michael Radaković, verstirbt im August 1934 (vgl. Oberkofler 1982, 367). Noch im selben Jahr erhalten sowohl Konstantin als auch Theodor außerordentliche Professuren in Graz – Konstantin im Juli für Philosophie (vgl. PA Radaković „Gutachten über Leistung in Wissenschaft und Unterricht“ 1948, 1), Theodor im November 1934 für Mathematik (vgl. Einhorn 1985, 562).

Als Reaktion auf den „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland legt Radaković im Oktober 1938 seine Lehrberechtigung und damit seine Professur nieder und zieht sich aus dem öffentlichen Leben zurück – er lehrt nicht mehr und ist kaum noch in der Öffentlichkeit aktiv (vgl. Jánoska 1996, 340). Einen Monat später, im November 1938, wird ihm die Lehrbefugnis als Gegner der nationalsozialistischen Regierung formell entzogen, womit die Auflassung des mit ihm als provisorischen Leiter bekleideten Soziologischen Seminars besiegelt ist (vgl. Höflechner 2006, 188; Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik 1985, 55; ebd., 151). Noch im Jänner 1938 nimmt sich sein Bruder Theodor das Leben, was einen schweren Schlag für Konstantin darstellt.

Durch sein Verhalten nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland zeigt sich Radaković als einer der wenigen „Antifaschisten im Umkreis“ (vgl. Jánoska 1996, 341). Nicht nur begrüßt er im März 1938 einen „siegreich in Parteiuniform erschienen Kollegen“ mit den Worten „Oh, Herr Kollege – schon im Kostüm“ (Höflechner 2006, 188), sondern er unterlässt es auch, einer irrtümlichen Verhaftung durch nationalsozialistische Einheiten zu widersprechen. Indem Radaković die Preisgabe seiner Identität um mehrere Tage verzögert, ermöglicht er demjenigen, an dessen Stelle er aus Versehen festgenommen wird, die rechtzeitige Flucht (vgl. ebd.). Weder zögert er, Herrschaft und Ideologie der NationalsozialistInnen offen zu brandmarken (vgl. Biró 1959, 6), noch unterlässt er es, seinen Studierenden „‘Glück und Ende‘ des Dritten Reiches aus rein moralischen Gründen zu prophezeien. […] Damals erhob er sich zu einer sehr einsamen Höhe mutigen menschlichen Verhaltens und idealer Freundschaft“ (Biró 1959, 6). Weil Radaković jüdische Familien durch Freikauf unterstützt, droht ihm bald eine Anklage wegen Devisenvergehens.

Anfang 1941 emigriert Radaković (vgl. Berger et al. 1997, 34). Er lässt sich auf einem Gut seiner VorfahrInnen in Kostajnica in Kroatien nieder. Im Februar desselben Jahres erhält er die kroatische Staatsbürgerschaft. Während seines Aufenthalts in Kroatien wird Radakovićs Vermögen in Graz von NationalsozialistInnen beschlagnahmt. 1941 ist Konstantin Radaković für drei Monate , vom 06.06. bis zum 27.09., im Zuchthaus als politischer Häftling gefangen und wird wegen seiner politischen Überzeugung schwer gemaßregelt (vgl. Landeshauptmannschaft für Steiermark, Abtl. 9, Ausweise KZ Verband). Wo genau Radaković sich damals im Zuchthaus befindet, ist unklar – bekannt ist aber zumindest, dass er die restliche Zeit zwischen 1941 und 1945 in Kroatien am Gut seiner VorfahrInnen verbringt.

1946 erhält Radaković seine Lehrbefugnis in Graz zurück und wird erneut zum ao. Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Soziologie ernannt (vgl. Berger et al. 1997, 34). Das 1938 geschlossene soziologische Seminar wird von ihm wieder eröffnet. Im Jahr 1949 wird er zum ordentlichen Professor und bekleidet die beiden Lehrstühle für Geschichte der Philosophie und philosophische Soziologie gleichzeitig.

Nach dem Kriegsende spricht keiner von der jüngeren nationalsozialistischen Vergangenheit, auch Radaković selbst nicht. So scheint am Institut zwar duldende, aber angespannte Stimmung zwischen Konstantin Radaković, Ferdinand Weinhandl und Rudolf Freundlich zu herrschen (vgl. Jánoska 1996, 341). Angeblich sieht man damals etwa „die drei Herren (die einander natürlich nicht besonders leiden mochten) vor der Institutstür [buckeln], um einander den Vortritt aufzunötigen“ (ebd.).

MitarbeiterInnen wie auch Studierende beschreiben Radakovićs Leben mit sehr positiven Worten. Sowohl als Dozierender als auch als Kollege scheint Radaković sehr beliebt zu sein (vgl. Jánoska 1996, 341). In einem Konstantin Radaković gewidmeten Artikel zum Anlass seines 65. Geburtstags wird er als „Inbegriff des Philosophen im griechischen Sinne“ (Biró 1959, 5) beschrieben. Weisheit und Humanität seien seine wichtigsten Anliegen und der Kern seines Wirkens (vgl. Biró 1959, 5). So teilen die SchülerInnen und MitarbeiterInnen Radaković mit: „Was Sie lehrten und lehren, ist wahre Philosophie der Toleranz, denn Toleranz ist Ihnen nicht bloß wissenschaftliche Lehre, sondern zugleich und in erster Linie gelebte Praxis“ (Biró et al. 1959, 7). Diese Worte werden Radaković wohl nicht zuletzt aufgrund seiner außerordentlichen Courage in Anbetracht der „Machtübernahme“ der NationalsozialistInnen gewidmet.

Neben seiner Lehre an der Universität ist Radaković auch an der Urania und in der Österreichischen Kulturvereinigung als Volksbildner aktiv. Im Jahr 1965 wird Radaković emeritiert, hört aber nicht auf zu lehren. Bis zum Wintersemester 1972/73 hält er noch Vorlesungen innerhalb der österreichischen Urania. Radaković verstirbt am 19.09.1973 in seinem 80. Lebensjahr in Graz.